HowTo: Malen wie Picasso mit blind continuous drawing

20130423 Collage blind continuous drawing 300x

Ab und zu stehe ich vor einem Bild und frage mich: „Warum bezahlt jemand so viel Geld für die paar Striche?!?“
Zugegeben, was ich mich dabei wirklich frage ist: „Warum bezahlt niemand so viel Geld für meine paar Striche?!?“

Ich verrate Ihnen hier nicht, wie man eine Menge Geld verdient 😉 In diesem Tutorial zeige ich Ihnen, wie Sie mit zwei einfachen Tricks mehr aus Ihren paar Strichen machen.

Im Artikel über die an Sonnenbrand leidenden Kühe beschrieb ich meine erste Begegnung mit dem Continuous Drawing. Auf der Suche nach mehr Information stolperte ich über das Buch „Experimental Drawing“ von Robert Kaupelis. Es hat zwar schon 30 Jahre auf dem Buckel, doch gewisse Dinge altern nicht.

Blindes Huhn oder ich zeichne blind

Blindes Zeichnen ist für Kaupelis so wichtig, dass er empfiehlt, von Anfang an mindestens 30 Stunden nur blind zu zeichnen und die Übung erst dann weiter auszubauen. Meine erste Liaison mit dem blinden Zeichnen vor einigen Jahren war nur von kurzer Dauer und ging nicht über die empfohlenen 30 Stunden hinaus. Diesmal sollte es anders sein.

Ein paar Striche später hielt ich ein Bild in der Hand, das im gewissen Sinne sehr Picasso-ähnlich anmutete. So war es also, Picasso malte blind! Ich bezweifle jedoch stark, dass meine Skizze in die Annalen der Geschichte eingehen wird oder jemand dafür Picasso-ähnliche Preise bezahlen würde… Ich lasse mich jedoch gern überraschen 😉

blind drawing mit mehreren Linien

blind drawing mit mehreren Linien

Zwei zum Preis von einem

Hmmm, wie würde das Bild wohl aussehen, wenn ich blind und Continuous Drawing kombinieren würde? Wie man sieht, nicht besser. Nur anders. Seltsamerweise führt das Continuous Drawing in Kombination mit dem blinden Zeichnen zu einem starken Abwärtsdrift der Linie (ich begann jeweils an der Stirn oben links und zeichnete gegen den Uhrzeigersinn).

Noch mehr Picasso (blind continuous drawing)

Noch mehr Picasso (blind continuous drawing)


Picasso wäre stolz auf mich (blind, continuous drawing)

Picasso wäre stolz auf mich (blind, continuous drawing)

Und noch Mal mit Gefühl oder wir tasten uns voran

Ok, dieser Versucht ging also in die Hose. Warum? Ich spähte nochmals in das Buch von Kaupelis. Aha! Er empfiehlt, beim blinden Zeichnen das Auge und den Stift / die Hand möglichst synchron zu führen. Das Auge tastet dabei die Ränder der Form ab (beachte: Nicht des Objekts! Aber dazu in einem späteren Artikel. Melden Sie sich am besten gleich zu meinem Newsletter an, rechts oben, neben dem Artikel. Dann verpassen Sie keine Ausgabe), während die Hand mit dem Stift gleichzeitig über das Papier bewegt wird.

Haben Sie schon einem Angestellten eines Schlüsseldienstes über die Schulter geschaut? Haben Sie bemerkt, wie er Ihren Schlüssel nachmacht? Er spannt Ihren Schlüssel in eine Zwinge ein und fährt mit einer Nadel entlang dessen Ränder. Die Fräse, die mit der Nadel fest verbunden ist, fährt mit und formt entsprechend den neuen Schlüssel. Et voilà!

Neuer Versuch: Ich „taste“ mit meinen Augen die Konturen der Formen ab und bewege gleichzeitig die Hand mit dem Stift, ohne auch ein einziges Mal auf das Papier zu gucken. Nun ja, die Bilder sehen immer noch apart aus. Aber der Abwärtsdrift ist tatsächlich verschwunden.

blind continuous drawing mit "Abtasten"

blind continuous drawing mit „Abtasten“


blind continuous drawing mit "Abtasten" ist eine Meditation (und genauso anstrengend)

blind continuous drawing mit „Abtasten“ ist eine Meditation (und genauso anstrengend)

Und die Moral von alledem?

Aus meinen Versuchen lerne ich folgendes:

  • Blindes Zeichnen mit mehreren Strichen führt zwar zu einem aparten Ergebnis, ist aber noch als Gesicht durchaus erkennbar.
  • Blindes Zeichnen mit einer einzigen Linie (blind continuous drawing) führt zu einem Drift nach unten.
  • Blindes Zeichnen mit einer einzigen durchgezogenen Linie mit „Abtasten“ der Formen (blind continous drawing touching the form) verhindert den Abwärtsdrift.
  • blind continuous drawing ist sehr anstrengend. Man blendet alles andere aus. Man konzentriert sich vollkommen auf das betrachtete Bild. Man erkennt darin all die Kleinigkeiten, für die man sonst blind gewesen wäre (Welch ein Wortspiel). Die Kundigen unter uns erkennen darin unschwer die Aufmerksamkeitsmeditation.

Ach ja, damit Sie eine ungefähre Vorstellung davon bekommen, was ich da eigentlich gezeichnet habe, hier die Vorlage dafür. Es ist eine mit continuous drawing erstellte Zeichnung, die ich nachträglich mit Aquarellfarben koloriert habe. Sollte eigentlich ein Selbstporträt werden, ähnelt mir jedoch nicht im geringsten (obwohl, der kleine Höcker auf der Nase ist mir gut gelungen 😉 ). Auf diese Weise kann ich immer neue Porträts unterschiedlicher Personen malen, ohne dass ich dazu immer wieder neue Models brauche! Ist das nicht ein Paradebeispiel im positiven Denken?

Das Original

Das Original, mit einer einzigen Linie ohne Vorzeichnen gezeichnet

Material / Palette:

  • Permanent rosa (Winsor & Newton)
  • Ultramarin blau (Winsor & Newton)
  • Lasurgelb (Schmincke)
  • Umbra natur (Schmincke)
  • Sepiabraun gefärbt (Schmincke)
  • Dokumententinte
  • Canson Fine Face C, 250 g/qm

Darf’s a bisserl mehr sein?

Ist Ihnen aufgefallen? So ganz nebenbei habe ich noch eine weitere Übung von Kaupelis erledigt. Er schlägt nämlich vor, Bilderserien zu erstellen. In 4 Stunden 30 Bilder, wobei es nicht immer dasselbe Sujet sein muss.

Probieren auch Sie diese drei Techniken aus (blindes Zeichnen, continuous drawing, Bildserien) und sagen Sie mir bitte Bescheid, ob Ihre Linie ebenfalls nach unten abrutscht, wenn Sie vergessen, die Konturen abzutasten. Vielleicht löst ja jemand sogar das Mysterium des Abwärtsdrifts.

Alles Gute,

Lydia

P.S.: Angeblich ähnelt mir das Original doch. Wahrscheinlich ist es wie mit der Aufnahme eigener Stimmte: Die erkennt man selber auch nie…